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WAS IST BIOGRAPHIE- UND GESPRÄCHSARBEIT?

Die Frage nach einem tieferen Verständnis des eigenen Lebens beschäftigt heute viele Menschen. Ein gesundes Im-Leben-Stehen bedeutet, sich geistesgegenwärtig zwischen Vergangenheit und Zukunft halten zu können. Dies wird einem sofort klar, wenn sich eine Zukunftsaussicht plötzlich verändert oder wenn eine bis dahin beruhigende Orientierung an feste Werte aus der Vergangenheit auf einmal in Frage gestellt wird. Solche Situationen treten auf, z.B. bei drohender Arbeitslosigkeit, Krankheit, einer „Midlife Krise“ oder beim Scheitern einer Beziehung. Viele Menschen empfinden auch ganz allgemein, durch die zunehmende materialistische Weltanschauung und die daraus hervortretende Verunmenschlichung der Werte, eine allgemeine Bedrohung und fragen sich nach dem Sinn ihres Lebens. So wird deutlich, dass es in der Schnelllebigkeit unserer Zeit zunehmend wichtig ist, dass der einzelne Mensch sich der Einmaligkeit seines eigenen Seins unabhängig von äußeren Werten bewusst ist. Dass ihm klar ist, dass er vielen Möglichkeiten selbst in der Hand hat, dass er auch als Erwachsener noch lernen kann und gerade durch Selbstzweifel und Ohnmacht Gefühle und die Überwindung desselben die Möglichkeit entsteht, schöpferisch zu sein und sich zu entwickeln.

Einen eigenen Weg zu gehen, das Leben selbst zu gestalten, statt gelebt zu werden ist ein tiefes menschliches Bedürfnis. Voraussetzung dafür ist, unabhängig von der Bewertung einzelner Lebensereignisse eine Ahnung von einem „roten Faden“ zu haben, der einen Menschen treu durch sein Leben begleitet und ihn schlussendlich an ein sinnvolles Ziel bringt. Wenn er ein Bewusstsein von diesem einmaligen „roten Faden“ hat, wird es ihm immer leichter fallen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und selbstbewusst Zielsetzungen und Entschlüsse zu treffen.

Die Arbeit, die der moderne Mensch neben allen anderen Arbeiten heute zu leisten hat ist: Sich in Übereinstimmung mit sich selbst zu entwickeln. Auf der anderen Seite ist der Mensch heute mehr als sonst darauf angewiesen, sich als einen Teil der ganzen Welt erleben zu können. Welchen Sinn hätte es, nur für sich selbst zu leben, sich vollkommen zu isolieren? Sich als Individualität integrieren zu können, sich in Übereinstimmung mit Welt und Kosmos zu erleben, ist ein Urbedürfnis des Menschen. Auch dies soll er sich in eigener Arbeit erobern. Auch hier ist der Mensch auf sich gestellt.

Dies alles fordert enorm viel vom Bewusstsein des Menschen. Bis jetzt wurde seine bewusste Entwicklung hauptsächlich durch seine beruflichen oder erzieherischen Tätigkeiten herausgefordert. Vieles andere war abgedeckt durch feste Werte in Religion, Gesellschaft und Familie. Durch die Veränderungen und Umbrüche in der Arbeitswelt wie auch in der privaten Welt des Menschen (die Führung einer Familie wird heute schon durchaus als berufliche Tätigkeit eingestuft, obwohl noch nicht immer entsprechend gewertet und entlohnt), hat sich sein „Arbeitsfeld“ enorm erweitert und so hat er entsprechend mehr Bewusstseinsarbeit zu leisten in Bezug auf das, was er will.

Biographie- und Gesprächsarbeit sind eine Hilfe, diesen Anforderungen gerecht zu werden. Damit ist der „Gegenstand“, der Focus der Biographie und Gesprächsarbeit angegeben, nämlich: Die Arbeit des Menschen, wobei der Begriff Arbeit im erweiterten Sinne, wie oben beschrieben, zu verstehen ist. Es geht also darum, dem Menschen zu helfen, ein immer deutlicheres und umfassenderes Bewusstsein von seinem willensmässigen Tätigsein in seinem Leben zu entwickeln, und damit zu erkennen, wie er in seinem Willen lebt: Entspricht dies seinem Ich, ist es das, was er will? Wie kann er das, was er als wichtig und zu ihm gehörend erkennt sozialverträglich in die Welt integrieren? Das heisst dann, Ihm zu helfen, in der Welt wirkend wirklich er selbst zu sein, wirklich Mensch zu sein.

Gegenstand der Biographie- und Gesprächsarbeit sind also Tätigkeiten, die in der einzigartigen Lebenspraxis des jeweiligen Menschen sichtbar und somit reflektierbar geworden sind und damit zum Lernprozess werden können.

Heute leben wir in einer Situation der funktionellen Ausdifferenzierung der Gesellschaft in berufliche Spezialisierungen. Die wissenschaftlich fundierten Spezialgebiete haben sich enorm vermehrt, jedes Teilgebiet ist sehr vielschichtig und die Zahl der Professionen nimmt ebenso zu wie die Spezialisierungen. Es wurde aber keine Professionalität zur Bewältigung größerer Gesamtprobleme entwickelt. Fachübergreifende Kooperation ist deswegen notwendig geworden. Daran wird, auch im Sinne von Vernetzung, enorm viel gearbeitet. In Bezug auf sein Arbeitsfeld ist der einzelne Mensch oft in einer Lebenssituation, welche eine Entscheidung braucht, die so komplex ist, dass sie scheinbar nur durch eine fachübergreifende Kooperation von Professionellen zu einer Lösung gebracht werden kann. Der einzelne gerät in eine Ohnmachtsituation, in der er dazu neigt sich ganz in die Abhängigkeit der Fachkompetenz einer Gruppe von fremden Menschen zu begeben, um seine „Freiheit“ oder sein Ich danach zu richten. Die Möglichkeit einer eigenen Entscheidung wird somit immer mehr in Frage gestellt. Eigentlich möchte das Ich auf der Basis des gesunden Menschenverstandes heute in der Lage sein, sich auch in einer komplexeren Lebenssituation selbständig entscheiden zu können. Das gesteigerte Bewusstsein von einzelnen Teilen des Lebens und die Gefahr der Fixierung oder Überbewertung verhindern die Sicht auf die Gesamtheit, die Ganzheit und damit auf die Realität der Einzigartigkeit eines Lebens. Die Realität der Einzigartigkeit in der Gesamtheit der Ausgestaltung eines Lebens ist ja gerade die Realität des Ich-Seins. Diesem Sein zu vertrauen, seinen Lebenssinn zu erleben vermittelt dem Menschen ein wesenhaftes Gefühl des „Ich – vereinigt Seins“ mit Sich und der Welt. Auf dieser Basis kann er dann weitere selbständige und wesentliche Entscheidungen treffen.

Ein erster Schritt in der Biographiearbeit ist oft, eine Gesamtüberschau des ganzen Lebens zu erstellen aus einem übergeordneten geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt (Gesetzmäßigkeit) heraus. Es handelt sich darum, die im Leben gemachten Erfahrungen zu objektivieren, zu ordnen und zu verarbeiten. Dadurch entsteht vom Ich aus ein erstes Bewusstsein von der Qualität einer Ganzheit.
Die Vorstellungen werden erweitert und Gefühle bereichert. So kann ein neues, reiches Innenleben sich bilden. Selbstwert und Selbstbewusstsein werden gestärkt, Dankbarkeit gegenüber dem Schicksal erlebbar. Erstarkt können dann neuen Impulsen wachsen sich aktiv und freudevoll an das Weltgeschehen zu beteiligen.

Die Gesprächs-Arbeit kann dann auf viele Arten, indem man immer wieder einen anderen Gesichtspunkt wählt, problem- oder themenbezogen vertieft und differenziert werden. Hier ist oft eine spezielle Gesprächsarbeit notwendig (Biographisches Coaching). Aus welchem Gesichtspunkt heraus die Biographiearbeiterin das Gespräch gestaltet hängt von der Problemstellung ab, von ihrem Wissen und der therapeutischen Inspiration. Wie sie die Gesprächsarbeit gestaltet, welche Fragen sie stellt, welche Methode sie für diese Situation wählt oder entwirft ist abhängig von ihrem Können und den Ressourcen, über welche die Klientinnen verfügen. Das Ganze ist ein künstlerisch inspirativer Prozess, welcher in jedem Moment in Abstimmung mit der Klientin bewusst gestaltet und ergriffen wird.

Biographiearbeiterinnen sind Personen, die es zu ihrer professionellen Tätigkeit gemacht haben, anderen Menschen aus einem Verständnis der Ganzheit ihres Lebens heraus zu helfen, mittels ihres eigenen selbständigen, gesunden Menschenverstandes ihrem Ich entsprechende Entscheidungen zu treffen, darüber zu reflektieren und entsprechende Lernprozesse anzugehen (Selbstreflexion und Selbstregulation).

Sie sind also Spezialisten in Bezug auf das Herstellen einer Ganzheit bzw. das Verstehen und Reflektieren einzelner Situationen in einem Gesamtzusammenhang.

Der helfende Prozess beim Reflektieren des Lebens in seiner Ganzheit unter Einbeziehung von übergeordneten (geisteswissenschaftlichen) Gesichtspunkten, ist ein Teil ihrer beruflichen Arbeit. Ein anderer Teil ist, den Hilfesuchenden dabei zu unterstützen, diese Fähigkeit selbst zu erlangen. Ein dritter Teil besteht darin, den die Klientin in ihrem Leben bei der eigenständigen und verantwortungsvollen Umsetzung zu begleiten und zu bestärken.

Die Biographiearbeiterin zeichnet sich durch „Multiprofessionalität“ und durch „multimethodisches“ Vorgehen aus, welches nicht durch eine einschränkende Methodik umschrieben werden kann. Die Weiterbildung in der Biographie- und Gesprächsarbeit ist deshalb auch multiversitär statt universitär und interdisziplinär statt disziplinär aufgebaut.

Biographie- und Gesprächsarbeit kann sowohl in privaten als auch in beruflichen Zusammenhängen ausgeübt werden. Ihr Einsatzbereich ist schier unerschöpflich und enthält den ganzen Bereich der menschlichen Lebensgestaltung. Er reicht vom Privatbereich (Sinnfindung, Lebenskrisen, Partnerschaft, Familie, Erziehung, Gesunderhaltung, etc.) über den Sozialbereich, Medizin/Pflege, Pädagogik bis hin zu Supervision, Coaching und Organisationsentwicklung in Profit- und Nonprofit- Organisationen. Biographiearbeit wirkt als Impuls kulturgestaltend resp. kulturtherapeutisch im Sinne einer bewussten „Vermenschlichung“ und „Verganzheitlichung“ der Arbeit. Sie kann überall dort einen Beitrag liefern, wo reflektierbare Prozesse, „Arbeit“ vom Menschen geleistet werden und ganzheitliches Bewusstsein darüber gewünscht ist.
Ihr Gegenstand bleibt immer der gleiche: die „Arbeit“ des Menschen. Sie kann aber nicht eine spezifische andere berufliche Arbeit ersetzen, wie z.B. die Arbeit der Ärzte, der Mütter und Väter, Psychologen, Kunsttherapeuten, der Krankenschwestern/Pfleger etc. Wo eine solche Arbeit mit einem Klienten auch stattfindet, wird ein komplementär-integratives Arbeiten angestrebt werden. Biographiearbeiterinnen können sowohl mit einzelnen Personen als auch mit Gruppen oder Teams arbeiten.

In vielen Berufen wird die Biographiearbeit als Ergänzung integriert. So gibt es viele Ärzte, Therapeuten, Pädagogen, Mütter etc. die eine Weiterbildung in Biographiearbeit machen, um damit ihre eigene spezifische Berufstätigkeit zu bereichern. Dies ist aber, wie vorher beschrieben, von der spezifischen Biographiearbeit zu unterscheiden. Je nachdem, welches die berufliche Grundausbildung der Biographiearbeiterin ist, kann es natürliche, berechtigte Überlappungen geben.

Die Biographiearbeit hat sich Ende dieses Jahrhunderts konsolidiert und wird an verschiedensten Stellen der Welt durchgeführt. Der Impuls ging von Prof. Lievegoed (NL) aus. In seinem Buch „Lebenskrisen - Lebenschancen“, das vor etwa 30 Jahren ein Besteller war, hat er viele Menschen auf das Studium der Biographie und deren Gesetzmäßigkeiten aufmerksam gemacht. Ab 1979 etwa entstanden Biographieseminare sowohl in Holland und England als auch in Brasilien, den USA usw. in denen man zum ersten Mal bewusst und planmäßig auf seine eigene Biographie geschaut hat. Heute ist dies eine weltweite Bewegung geworden; eine Weiterbildung des Biographiearbeiters (Menschen, die anderen Menschen helfen die Gesetzmäßigkeiten in ihrer eigenen Biographie zu finden und sie eventuell auf diesem Gebiet zu beraten) wurde seit vielen Jahren im Center of Social Development, England durchgeführt. Maßgebende Impulse gehen auch von der Arbeit von Frau Dr. Gudrun Burkhard und ihrem Institut Artemisia in Brasilien aus. Sie ist die Verfasserin von mehreren Büchern und arbeitete auch viele Jahre in der Schweiz, wo sie als Vorreiterin am Anfang der neunziger Jahre einer Ausbildung gründete.

Download Ausführliche Geschichte der BA

Einen aktuellen Überblick über die weltweiten Aktivitäten der Biographie-Arbeit bieten verschiedene Web-Sites an. Links dafür finden Sie unter "Links" auf diese Website.